Erinnerungskultur

Lesung zur Reichsprogromnacht 1938 und Bericht zur aktiven Arbeit einer Berliner KZ-Initiative

Die Veranstaltung mit dem Berliner Dozenten Thomas Schleissing-Niggemann im Rahmen der Erinnerungsarbeit der Gesamtschule Berger Feld gab intensive und informative Einblicke in die Zeit des Nationalsozialismus und regte die Schülerinnen und Schüler zu einer engagierten heutigen Aufarbeitung an.

Am Freitag, dem 14.01.2022, besuchte Herr Thomas Schleissing-Niggemann die Gesamtschule Berger Feld. Er thematisierte vor den Schülerinnen und Schülern der Jahrgänge Q1 und Q2 in einer Lesung zunächst die Reichsprogromnacht 1938 und berichtete anschließend über die Arbeit in der „Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V.“.

Im ersten Teil der Veranstaltung, die von Herrn Carsten Bongers organisiert und vom Förderverein der Schule finanziell ermöglicht wurde, kombinierte Herr Schleissing-Niggemann eindrucksvoll detaillierte und zum Teil emotionale Zeitzeugenberichte zur menschenverachtenden und schonungslosen Brutalität der Nazis in der Reichsprogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 mit Textbelegen zu konkreten Anweisungen und Vorbereitungen der damaligen politischen Handlungsträger, die den von den Nazis propagierten spontanen Ausbruch des „Volkszorns“ gegen die jüdische Bevölkerung Deutschlands als „Fake News“ entlarvten. Danach erläuterte er die einzelnen Entrechtungsschritte gegen die Juden, gegen die sich kaum Widerstand in der übrigen Bevölkerung regte.

Dozent Thomas Schleissing-Niggemann

Zum Abschluss der beeindruckenden Lesung, in der der Dozent die Zuhörerinnen und Zuhörer sehr schnell in seinen Bann zog, las er Ilse Webers bewegenden „Brief an mein Kind“ vor, welcher die Schülerinnen und Schüler sehr berührte.

Ilse Webers „Brief an mein Kind“

Brief an mein Kind 

Mein lieber Junge, heute vor drei Jahren
bist ganz allein du in die Welt gefahren.
Noch seh ich dich am Bahnhof dort in Prag,
wie du aus dem Abteil verweint und zag
den braunen Lockenkopf neigst hin zu mir
und wie du bettelst: laß mich doch bei dir!
Daß wir dich ziehen ließen, schien dir hart –
acht Jahre warst du erst und klein und zart.
Und als wir ohne dich nach Hause gingen,
da meinte ich, das Herz müßt mir zerspringen.
Gar oft hab ich geweint, das glaube mir,
und trotzdem bin ich froh, du bist nicht hier.

Die fremde Frau, die sich deiner angenommen,
die wird einst sicher in den Himmel kommen.
Ich segne sie mit jedem Atemzug –
Wie du sie liebst, es ist doch nie genug.

Es ist so trüb geworden um uns her,
man nahm uns alles fort, nichts blieb uns mehr.
Das Haus, die Heimat, nicht ein Winkel blieb,
und nicht ein Stückchen, das uns wert und lieb.
Sogar die Spielzeugbahn, die dir gehört
Und deines Bruders kleines Schaukelpferd …
Nicht mal den Namen hat man uns gelassen:
Wie Vieh gezeichnet gehen wir durch die Gassen,
mit Nummern um den Hals. Das macht‘ nichts aus,
wär ich mit Vater nur im gleichen Haus!
Und auch der Kleine darf nicht bei mir sein …


Im Leben war ich noch nie so allein.
Du bist noch klein, und drum verstehst du’s kaum …
So viele sind gedrängt in einem Raum.
Leib liegt an Leib, du trägst des andern Leid
Und fühlst voll Schmerz die eigne Einsamkeit.

Mein Bub, bist du gesund und lernst du brav?
Jetzt singt dich niemand wohl mehr in den Schlaf.
Manchmal des Nachts, da will es scheinen mir,
als fühlte ich dich wieder neben mir.
Denk nur, wenn wir uns einmal wiedersehen,
dann werden wir einander nicht verstehen.
Du hast dein Deutsch schon längst verlernt in Schweden,
und ich, ich kann doch gar nich schwedisch reden!
Wird das nicht komisch sein? Ach, wär’s so weit doch schon,
dann hab‘ ich plötzlich einen großen Sohn.

Spielst du mit Bleisoldaten noch so gerne?
Ich wohn‘ in einer richtigen Kaserne,
mit dunklen Mauern und mit düst’ren Räumen.
Von Sonne ahnt man nichts, von Laub und Bäumen.
Ich bin hier Krankenschwester bei den Kindern,
und es ist schön, zu helfen und zu lindern.
Nachts wache ich bei ihnen manches Mal,
die kleine Lampe hellt nur schwach den Saal.
Ich sitze da und hüte ihre Ruh,
und jedes Kind ist mir ein Stückchen „Du“.
Mancher Gedanke fliegt dann hin zu dir –
Und trotzdem bin ich froh, du bist nicht hier.

Das Leben hat viel Schönes mir genommen,
um wieviel Glück bin ich bei dir gekommen …

Doch ich trag’s gern, ist es auch manchmal hart,
viel Häßliches blieb dir dadurch erspart.
Und gerne litt‘ ich tausendfache Qualen,
könnt ich dein Kinderglück damit bezahlen …

Jetzt ist es spät, und ich will schlafen gehen.
Könnt ich dich einen Augenblick nur sehn!
So aber kann ich nichts als Briefe schreiben,
die voller Sehnsucht sind – und liegen bleiben …

Ilse Weber war eine deutschsprachige jüdische Schriftstellerin in der vom Deutschen Reich besetzten Tschechoslowakei, die mit ihrem Ehemann und ihrem vierjährigen Sohn Tomas 1939 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Zuvor war es den Webers aber noch knapp gelungen, ihren achtjährigen Sohn Hanus mit einem Kindertransport über England nach Schweden in Sicherheit zu bringen. Ilse Weber arbeitete im Ghetto als Krankenschwester in der Kinderkrankenstube. Als die Patienten der Kinderkrankenstube inklusive ihres Sohnes Tomas zur Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gezwungen wurden, meldete sie sich freiwillig zur Begleitung der kranken Kinder. Die Gruppe wurde dort direkt nach ihrer Ankunft am 06.10.1944 in der Gaskammer ermordet. Kurz vor der Deportation hatte Weber ihr literarisches Werk noch vor den Nazis verstecken können, sodass es uns heute zur Verfügung steht.

Der zweite Teil der Veranstaltung bestand darin, einen Einblick in die Arbeit der „Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V.“, deren 1. Vorsitzender Herr Schleissing-Niggemann ist, zu gewinnen. Die Initiative führt unter dem Motto „Erinnerung bewahren, Aufklärung leisten“ vielfältige Aktivitäten durch. Besonders beeindruckend ist dabei die „Rudi-Wunderlich-(Fahrrad-)Gedenkfahrt“ zu Ehren eines KZ-Häftlings, dem es mit dem Fahrrad eines SS-Wachmanns tatsächlich gelang, aus diesem Außenlager des berüchtigten KZ Sachsenhausen zu entkommen.

Bildunterschrift

Der Dozent, dessen Familie selber Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus hatte, beantwortete zu beiden Teilen der Veranstaltung bereitwillig und ausführlich interessierte Nachfragen von Schülerinnen und Schülern.
Der intensive Vortrag von Herrn Schleissing-Niggemann war sehr informativ und hat den Schülerinnen und Schülern einen wichtigen Einblick in die Nazi-Zeit und deren heutige Aufarbeitung gegeben. Eine solche Veranstaltung hilft dabei, die Zuhörerinnen und Zuhörer für dieses Thema zu sensibilisieren, sie aufzuklären und für ein besseres Verständnis der Hintergründe und Zusammenhänge zu sorgen.
Die heutige Aufarbeitung knüpft also an die Vergangenheit an, um so eine bessere Zukunft in Freiheit und Frieden zu schaffen!

Carsten Bongers, Jennifer Brandenbusch, Carolin Pfitzner, Nils Protzel


Studienfahrt in die Gedenkstätten Esterwegen und Bergen-Belsen

Am 26. und 27. November 2021 hatten der Projektkurs Geschichte von Herrn Hoffmann und der Leistungskurs Geschichte von Frau Schwarz, beide aus der Q2, die Gelegenheit, an der von Herrn Bongers hervorragend organisierten Fahrt in die Gedenkstätten Esterwegen und Bergen-Belsen teilzunehmen. Begleitet wurden die Kurse von den jeweiligen Kurslehrer*innen und von Herrn Bongers. Die Fahrt wurde live auf dem Instagram-Kanal des Projektkurses Geschichte erzählt (@projektkurs_geschichte).

Unser Aufenthalt in Esterwegen

Nach einem frühen Start an der Schule kamen wir circa zweieinhalb Stunden später in Esterwegen an. Dort wurden wir herzlich von Fitje und Lea in Empfang genommen. Daraufhin begaben wir uns in den Seminarraum, wo wir durch eine PowerPoint die Gedenkstätte Esterwegen, sowie die Geschichte der Emslandlager kennengelernt haben. Es war sehr spannend zu sehen, wie das KZ Esterwegen sich im Laufe der Jahre entwickelt hat. Im Anschluss teilten wir uns in Kleingruppen ein und bearbeiteten verschiedene Themen. Unsere Gruppe befasste sich mit dem Moorsoldatenlied und dessen Geschichte. Im Nachhinein präsentierten wir unsere Ergebnisse im Plenum. Zum Ende des interessanten und aufschlussreichen Tages bekamen wir Zeit um uns in Ruhe die eindrucksvolle Dauerausstellung anzuschauen.Es war ein sehr berührender und ergreifender Tag. 

Kiara Kuschinski und Sophia Sada


Bergen-Belsen

In Bergen-Belsen wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt und haben uns über die damaligen Anwohner der umliegenden Gegend informiert. Sie lebten in unmittelbarer Nähe des Konzentrationslagers und haben auch gelegentlich den Zaun besucht um die Gefangenen zu beobachten oder ihnen Brot über den Zaun zu werfen um sich darüber zu erfreuen, wenn die Gefangenen sich auf das Stück Brot gestürzt und sich darum geprügelt haben. Außerdem hat unser Teamer mit uns das Gelände besichtigt und uns ist bewusst geworden wie weit das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers ist. Zu unserem Bedauern fanden wir ausschließlich Fundamente der Gebäude, weil sie aus Hygienemaßnahmen zerstört wurden. Zum Mittagessen gab es Gemüseeintopf. Es ging danach weiter mit einer weiteren Quellenanalyse welche wir erfolgreich bestritten. Danach durften wir uns für die restliche Zeit frei in der Ausstellung bewegen. Zum Abschluss haben wir uns den Lagerfriedhof mit den verschiedenen Massengräbern und einzelnen Gedenksteinen angesehen, welche die Angehörigen und die Gedenkstätte aufgestellt haben.

Alexandra Konrath und Leon Kremer


Gedenken an die Novemberpogrome

Zum Gedenken an die Novemberpogrome rief die Demokratische Initiative Gelsenkirchen am 9. November 2021 zur Demonstration und Kundgebung.

Mit dem Begriff „Novemberpogrom“ wird vor allem die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 bezeichnet, als organisierte Schlägertrupps der Nationalsozialisten in vielen deutschen Städten Synagogen anzündeten, jüdische Geschäfte plünderten, Juden verprügelten und töteten.

Vor der Synagoge hörten wir ein Gebet auf Hebräisch, dann starteten wir einen Marsch durch die Altstadt zum Schalker Markt, wo wir eine Rede der Oberbürgermeisterin Karin Welge und das Lied „Moorsoldaten“ hörten. Um zu verhindern, dass sich die schrecklichen Ereignisse wiederholen, ist es wichtig, solche Veranstaltungen zu organisieren.

Dabei bedanke ich mich bei dem Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen, Schalke 04 und der Oberbürgermeisterin Karin Welge.

Ireneusz Dalecki